1918: Kapitulation. Der Mangel an Brot und Munition ließ den deutschen Truppen keine Wahl. Der Ruf »im Felde unbesiegt«, blendet nur kurze Zeit, denn in Versailles wird das Land verteilt. Der »Danziger Korridor« soll das wuchernde Deutsche Reich zerschneiden. Doch »dem Volk mehr Raum geben« bleibt das Ziel konservativer Zirkel. Die Parole der Zeit heißt »Blut und Boden«.
1920: In einem Berliner Café treffen sich Dichter. Beflügelt von Absinth und Kokain tragen sie ihre Werke vor. Einer von ihnen übersetzt Gedichte eines im Untergrund wirkenden polnischen Poeten, dem deutsche Nationalisten bereits auf den Fersen sind.
Rätselhafte Morde rund um den Stammtisch führen den Übersetzer nach Polen in den »Korridor«, wo sich ein Komplott nach und nach entschlüsselt.
Eine Erkundungsreise zu polnischer Kunst führte ihn nach Krakau und ergab viele Freundschaften – und die vom Goethe-Institut unterstützte Performance-Tour »KettenSeele« mit drei polnischen Musikern über Polens junge Bühnen. Dabei entstand auch die Idee zum Roman »Im Korridor«. Kunst und Kultur müssen öffentlich sein, ist seine Erkenntnis.
Ekkehart Opitz engagiert sich im St. Pauli Bürgerverein von 1843, im Round Table St. Pauli und ist sogar »Winzer« auf Hamburgs Stintfang-Weinberg.
Leseprobe 1
»Im Korridor« / Ekkehart Opitz
Gustav, der noch immer stand, richtete sich an Damian. »Hast du nicht eines von Bogumil zur Hand?« Und erklärte Franziska: »Sie müssen wissen, er ist die geheime Stimme Polens. Und unser Damian Reiber übersetzt ihn. Er kam gerade vor ein paar Tagen aus diesem ›Korridor‹ zurück. Dort hat er mit ihm zusammengesessen.«
»Polnische Dichtung in deutscher Sprache – das ist originell. Wer ist dieser Bogumil? Ich habe noch nie von ihm gehört.«
Damian wollte Liebermann mit gezieltem Blick zum Schweigen bringen, doch der war schon voller Inbrunst dabei, sein Wissen in die Waagschale zu werfen. »Bogumil ist die Volksstimme da drüben. Er hat die Seele der Leute erreicht. Seine Gedichte richten sich gegen die große Zerrissenheit, die fehlende Identität. Er erinnert sie daran, was ihre Seele ausmacht, und das immer sehr treffend umschrieben. Die Polen sind eh ein lustiges Völkchen, wenn man sie lässt.« Er trank einen Schluck. »Es gab dann immer Heftchen mit seinen Gedichten in polnischer Sprache, die von einem zum anderen weitergereicht wurden. Wir wollten denen ja mit unseren Regeln ihre Sprache austreiben. Hat wohl nicht geklappt.«
Franziska nickte Damian aufmunternd zu: »Seien Sie doch so freundlich und tragen Sie etwas vor. Irgendetwas von diesem Dichter.«
Damian nahm widerstrebend ein abgewetztes Buch aus der Tasche und blätterte wahllos.
»Prophezeiung.
Was soll das – mein Danzig – werden.
Ein Hauf von Bauernlümmeln
zu deinen Schiffen will.
Sie kommen gepackt mit Pferden
und bringen mit den Müll.
Doch zu Recht, sie kehren heim,
wollen endlich ihre Seeluft kosten,
dazu einen Wodka, in sich rein,
der Stolz gepackt hat nun den Osten,
die Menschen kehren heim.«
»Sie haben es wunderbar gelesen.« Franziska schaute froh in die Runde. »Ich mag dieses andere Denken. Ihr Freund ist ein ehrlicher Schalk. Danzig werden die Bauern holen. Wie originell.« Sie nahm einen letzten Schluck aus der Teetasse und schon forderten die Gewürze den Durst heraus.
»Bringen Sie mir ein Glas Champagner.«
Die Russin, die hinter dem Tresen mit kleinen Münzen spielte, blickte auf. »Champagner gibt es nicht mehr, mein Fräulein. Das darf nur der Franzose so nennen. So wie er es schon mit dem Elsässer Riesling getan hat. Das geliebte Sprudelwasser heißt von nun an Secco.«
»Und der Cognac heißt jetzt Weinbrand«, vollendete Ferdinand.
»Gut aufgepasst, du kennst auch alle Verordnungen, die uns die Froschfresser aufbürden«, grölte Karl, der sichtbar gezeichnet von den vielen Tropfen, mit denen er seine Organe beschenkte, leer in den Raum stierte.
Gustav erhob die Hand und sprach.
»Eine treffliche Wahl, zumal jeder Schluck unsere Truppen wieder zu alter Stärke bringt. Der Kaiser hat‘s einst überlegt. Jede Agraffe, die wir verbiegen, um den Korken in die Freiheit zu lassen, macht uns zu einer großen Seemacht.«
»Ja, typisch, für den Krieg bezahlt der Deutsche gern, mit Steuern und seinen Söhnen.« Die Russin hatte ihr Wodka-Glas erhoben, trank dann aber nicht, sondern stellte es wieder vor sich ab.
»Revolution!«, schrie Stelios, tanzte ein paar Schritte durch den Raum, bis das Ploppen des Korkens ihn wieder an den Tisch zog. Auch die verstummten Damen des Nachbartisches nahmen wieder Tuchfühlung auf, begierig, auch etwas von dem Sekt zu bekommen, den einer der Kavaliere sicher bezahlen würde.
Die Gruppen vermischten sich. Die Wahrheit hatte die Literatur erneut mit ihrer Räudigkeit besiegt. Die Männer poussierten mit den Weibern und das Gefühl eines echten Erlebnisses hakte sich in den Gemütern fest. Der dritte Flakon Absinth war mittlerweile auf dem Tisch und die Zeremonie mit dem Zuckerlicht war durch gieriges Mischen und Trinken ersetzt geworden.
Das ewige Aufstehen und Setzen führte Franziska irgendwann neben Wojtek. Vorsichtig stieß sie mit ihm an. Das machte ihn redselig.
»Ich weiß, ich glotze Sie einfach an, aber ich mag es so. Eine Frau sollte immer wissen, dass sie von dem begehrt wird, den sie nicht anfassen will. Denn der Schimmelpilz ...prinz kommt doch sowieso nie.« Tief röchelte es in seiner Lunge und Wojtek musste zweimal husten, ehe der Auswurf sich erwartungsvoll auf seine Zunge legte. Er wollte kurz weitersprechen, brach aber ab. Aus seiner abgeschabten Hose zog er ein verklebtes Taschentuch, dessen Knitter an vielen Stellen schon steif waren. Er spuckte hinein und ließ es wieder unter dem Tisch verschwinden.
»Wissen Sie was, Fräulein, ich spucke drauf. Egal, auf was Sie hier auch aus sind. Ja, was wollen Sie eigentlich hier bei uns? Bücher lesen können Sie auch zu Hause und das Körperliche bekommt doch hier keiner mehr hin. Der Krieg hat alle entmannt.«
»Auch den Griechen?«, fragte Franziska spitz.
Wojtek lachte widerlich. »Der kann gar nichts anderes. Hahaha.« Dann röchelte er wieder neuen Körperdreck herbei.
Leseprobe 2
»Im Korridor« / Ekkehart Opitz
Eines kalten Februarabends 1919 wurde er in das Kaminzimmer des Hotels geladen. Der Raum war verziert mit großformatigen Schlachtengemälden und mit gemütlichen, zum Kamin ausgerichteten Sesseln. Über der Feuerstelle prangte, eingefasst in einem goldenen Rahmen, ein riesiges Bild einer Schwarzen Sonne, in deren Mitte zwei Runen eingelassen waren. Als er eintrat, lehnte sich ein etwa fünfzigjähriger Mann aus einer der Sitzgelegenheiten heraus. Er hatte einen markanten Schnauzbart und wache Augen, die sich an ihm festhafteten.
»Sie sind also der Berliner«, eröffnete er das Gespräch. Wie er später erfuhr, handelte es sich um Karl Haushofer, einem weitgereisten Mann, der an der Universität München habilitiert hatte. Er war unter anderem im fernen Japan gewesen und hatte dort die erfolgreiche fernöstliche Kriegsführung studiert. Nach ein paar Runden des Kennenlernens kam Haushofer auf den Punkt.
»Wollen Sie etwas trinken?« Er wartete die Antwort nicht ab. Wenig später wandte er sich seinem Gast zu, mit zwei Schwenkern in den Händen.
»Nehmen Sie einen Schluck.« Beide genossen den Alkohol. Das Kaminfeuer wurde auffällig wärmer.
»Die Frage, die wir Menschen uns doch immer stellen, ist diese: Wie weit sind wir bereit zu gehen? Wie weit wirklich? Und was gibt uns die Gewissheit, das zu tun? Die Roten und die Juden wollen uns ihre Ideen in die Köpfe pflanzen. Unser Geist soll ihr Dung werden. Unglaublich! Was tun wir dagegen? Jeder einzelne von uns und bis zu welchem Punkt? Und mit welchen Konsequenzen? Mit anderen Worten, sind Sie bereit, für eine wichtige Sache zu sterben?«
Der Mann erinnerte sich noch, wie er zunächst unsicher war und der andere es bemerkte.
»Lassen Sie sich Zeit mit der Antwort. Heute möchte ich Ihnen zeigen, worum es geht.« Er reichte ihm ein weiteres Glas Weinbrand und bat ihn, in einem der Sessel Platz zu nehmen.
»Lassen Sie uns in die reinigende Macht des Feuers blicken.« Sie starrten lange in die lodernde Glut, verfolgten das Blaken der Scheite und sahen zu, wie die Flammen immer wieder nach neuen Wegen suchten, ihren Fortbestand zu sichern.
»Das Feuer ist seinem Wesen nach endlich wie wir. Anders als das Wasser, das immer da ist. Das Feuer versteht es, sich zu behaupten, es nutzt jede Schwäche aus. Es ist das Feuer in uns, das uns antreibt. Es ist gebündelt im Himmel zu Hause. Der Blitz, der in einem Baum einschlug, war eines der ersten Dinge, was der Mensch vor vielen Jahrtausenden sah. Eine von Gott gesandte Kraft, die uns die Wärme des Lebens bringt.«
Haushofer reichte ihm eine kleine metallene Dose. »Nehmen Sie etwas davon!«
»Was ist das?«, fragte der Mann.
»Ein Gedankenaufheller, stopfen Sie etwas davon in Ihre Nase und lassen Sie Ihren kreativen Ideen freien Lauf.«
Für den Mann war es die erste Begegnung mit Kokain. Er wusste, dass ganz Berlin sich damit aufheiterte, sah aber auch die tiefgeränderten Augen und die Nervosität, welche die Substanz mit sich brachte. Dennoch nahm er eine Prise und es gefiel ihm, eine Grenze zu überschreiten.
»Was ist Ihre große Stärke, Ihr Talent? Wo finden Sie sich wieder?«, fragte Karl Haushofer den Mann.
»Ich denke, in der Sprache. Sie hat so viel Kraft und Wucht und ist so schön. Den Dingen ein lyrisches Gewand zu geben, ist meine wirkliche Passion. Ich habe viele Gedichte über Träume und den Lauf der Welt geschrieben.« Einen Moment zweifelte er, doch nur aus üblicher Poetengewohnheit.
»Ein Mann der Sprache, der deutschen Sprache. Das ist eine gute Sache. Machen Sie was daraus. Nutzen Sie sie. Sie hat Macht. Sie überzeugt. Wenn Sie etwas erreichen wollen, dann am besten auf diese Weise. Sprechen Sie verständlich, am besten in einem klaren Bild. Schwarz-Weiß. Dann erzählen Sie es dem Bäcker, dem Metzger und selbst dem Bettler. Ist sich die Gasse einig, erzählt sie es wie von selbst der Straße. Dort sprechen Sie mit dem Kaufhaus, dem Wirtshaus und der Kirche. Dann gehen Sie zu den Prachtstraßen und schon bald stehen Sie am Zaun des Palastes. Und hinter Ihnen die Masse, die Ihnen glaubt.« Haushofer zog voller Genuss an einer Zigarette. Dann wechselte er abrupt das Thema.
»Mein Freund, schärfen Sie vor allem Ihren geopolitischen Instinkt. Sie müssen wissen, was Sie erreichen wollen. Ländereien, Einflussnahme, Schlüsselindustrien, Seewege. Diese Überlegungen sind die Basis oder besser das geistige Rüstzeug für eine überlegene Außenpolitik.
Sehen Sie, auch wenn wir den Krieg verloren haben, – er ist nur eine Schlacht gewesen. Und bis der nächste Krieg kommt, müssen die entsprechenden strategischen Planungen wohlüberlegt sein. Ich sehe diesen Krieg positiv. Das mag zynisch klingen bei so vielen Toten und Krüppeln. Aber sehen wir es im Ganzen. Krieg erzieht nicht zum Besseren. Er trägt immer den Keim des Ungerecht-behandelt-worden-Seins in sich. Die Besiegten, in diesem Falle wir, werden diese Schmach und Schande nie auf uns sitzen lassen. Sobald wir uns wieder einig sind, werden wir wieder losschlagen. Denken Sie drüber nach. Das ist der Lauf der Dinge.«
Dann blickten sie wieder in die Flammen.
Eine halbe Stunde später überschlugen sich die Gedanken beider Gesprächspartner. Begierig nahmen der Mann und Haushofer jeden Zipfel der wieder aufgekommenen Unterhaltung auf, um zu kommentieren oder das Gespräch in eine andere Richtung zu drängen.
Sie sprachen über jene mystische Insel am Nordrand der Welt, ein Eiland, das vielleicht einmal die Spitze des legendären Atlantis war und das als Quelle der vrilen Energie galt. Sie schwadronierten über die heilende Kraft der Externsteine bei Bad Meinberg, die einst von den Titanen einer nordischen Hochkultur errichtet worden waren. Sie ereiferten sich darüber, wie die Welt um sie herum durch den inneren Feind an Glanz verlor. Sie verstiegen sich in die Weihen des antiken Griechenlands mit seinem Körperkult. Olympia, Prometheus, den legendären Feuerbringer, der, weil er den Menschen das Licht und Wärme brachte, ewige Qualen erdulden musste. Sie sahen sich selbst als dieser Bote.
Über Zeus und Odin wurden schließlich die gesamten Götterwelten beschworen, die sich nun in nur einem einzigen Gott vereint hatten.
Später erweiterte sich der Kreis um weitere Männer der Gesellschaft. Gebannt folgten sie den beiden Diskutanten. Der immer größer werdende Flammentanz aus Licht und Schatten zuckte planlos über die Gesichter.
Angefacht durch das genommene Puder sprachen nun alle darüber, wie diese göttliche Kraft zu entfachen sei und dass man sich grundsätzlich jenseits aller Vorstellungskraft bewegen müsse, um Großes zu leisten.
Die Hitze im Raum war unerträglich geworden. Einer der Männer warf sein Hemd fort und präsentierte seine Muskeln. Er zeigte jene tiefen Wunden, die er sich frierend im Schützengraben geholt hatte.
Ein anderer warf sich unbekleidet in die Posen antiker Sportler, während die flackernden Flammen auf seinem Schweiß ihr Schattenspiel trieben. Jemand hatte auf ein Grammophon eine Platte gelegt, die nun wuchtige Musik durch den Raum trieb, die sie alle stimulierte.
Einer der Männer begann sich rasend im Kreise zu drehen. »Das ist die Macht der Sufi-Derwische. Versuche es auch einmal.«
Der Mann drehte sich nun auch im Kreis, er spürte sein Herz, seinen dichten Atem. Alles drehte sich. Dann waren die Hände der Verbündeten auf ihm. Liebkosten ihn. Etwas Weiches berührte sein Ohr. Alle waren nun nackt und tanzten und fielen lachend aufeinander und übereinander. Er glitt über Muskeln und fette Bäuche.
Dann war jemand in ihm. Der Mann erschrak nicht. Es war, als sei die Vereinigung das letzte, was er empfinden musste, um Erdgöttin Gaia, die Mutter von Allem, zu umarmen.
»Im Korridor« / Ekkehart Opitz
»Sie sind also der Berliner«, eröffnete er das Gespräch. Wie er später erfuhr, handelte es sich um Karl Haushofer, einem weitgereisten Mann, der an der Universität München habilitiert hatte. Er war unter anderem im fernen Japan gewesen und hatte dort die erfolgreiche fernöstliche Kriegsführung studiert. Nach ein paar Runden des Kennenlernens kam Haushofer auf den Punkt.
»Wollen Sie etwas trinken?« Er wartete die Antwort nicht ab. Wenig später wandte er sich seinem Gast zu, mit zwei Schwenkern in den Händen.
»Nehmen Sie einen Schluck.« Beide genossen den Alkohol. Das Kaminfeuer wurde auffällig wärmer.
»Die Frage, die wir Menschen uns doch immer stellen, ist diese: Wie weit sind wir bereit zu gehen? Wie weit wirklich? Und was gibt uns die Gewissheit, das zu tun? Die Roten und die Juden wollen uns ihre Ideen in die Köpfe pflanzen. Unser Geist soll ihr Dung werden. Unglaublich! Was tun wir dagegen? Jeder einzelne von uns und bis zu welchem Punkt? Und mit welchen Konsequenzen? Mit anderen Worten, sind Sie bereit, für eine wichtige Sache zu sterben?«
Der Mann erinnerte sich noch, wie er zunächst unsicher war und der andere es bemerkte.
»Lassen Sie sich Zeit mit der Antwort. Heute möchte ich Ihnen zeigen, worum es geht.« Er reichte ihm ein weiteres Glas Weinbrand und bat ihn, in einem der Sessel Platz zu nehmen.
»Lassen Sie uns in die reinigende Macht des Feuers blicken.« Sie starrten lange in die lodernde Glut, verfolgten das Blaken der Scheite und sahen zu, wie die Flammen immer wieder nach neuen Wegen suchten, ihren Fortbestand zu sichern.
»Das Feuer ist seinem Wesen nach endlich wie wir. Anders als das Wasser, das immer da ist. Das Feuer versteht es, sich zu behaupten, es nutzt jede Schwäche aus. Es ist das Feuer in uns, das uns antreibt. Es ist gebündelt im Himmel zu Hause. Der Blitz, der in einem Baum einschlug, war eines der ersten Dinge, was der Mensch vor vielen Jahrtausenden sah. Eine von Gott gesandte Kraft, die uns die Wärme des Lebens bringt.«
Haushofer reichte ihm eine kleine metallene Dose. »Nehmen Sie etwas davon!«
»Was ist das?«, fragte der Mann.
»Ein Gedankenaufheller, stopfen Sie etwas davon in Ihre Nase und lassen Sie Ihren kreativen Ideen freien Lauf.«
Für den Mann war es die erste Begegnung mit Kokain. Er wusste, dass ganz Berlin sich damit aufheiterte, sah aber auch die tiefgeränderten Augen und die Nervosität, welche die Substanz mit sich brachte. Dennoch nahm er eine Prise und es gefiel ihm, eine Grenze zu überschreiten.
»Was ist Ihre große Stärke, Ihr Talent? Wo finden Sie sich wieder?«, fragte Karl Haushofer den Mann.
»Ich denke, in der Sprache. Sie hat so viel Kraft und Wucht und ist so schön. Den Dingen ein lyrisches Gewand zu geben, ist meine wirkliche Passion. Ich habe viele Gedichte über Träume und den Lauf der Welt geschrieben.« Einen Moment zweifelte er, doch nur aus üblicher Poetengewohnheit.
»Ein Mann der Sprache, der deutschen Sprache. Das ist eine gute Sache. Machen Sie was daraus. Nutzen Sie sie. Sie hat Macht. Sie überzeugt. Wenn Sie etwas erreichen wollen, dann am besten auf diese Weise. Sprechen Sie verständlich, am besten in einem klaren Bild. Schwarz-Weiß. Dann erzählen Sie es dem Bäcker, dem Metzger und selbst dem Bettler. Ist sich die Gasse einig, erzählt sie es wie von selbst der Straße. Dort sprechen Sie mit dem Kaufhaus, dem Wirtshaus und der Kirche. Dann gehen Sie zu den Prachtstraßen und schon bald stehen Sie am Zaun des Palastes. Und hinter Ihnen die Masse, die Ihnen glaubt.« Haushofer zog voller Genuss an einer Zigarette. Dann wechselte er abrupt das Thema.
»Mein Freund, schärfen Sie vor allem Ihren geopolitischen Instinkt. Sie müssen wissen, was Sie erreichen wollen. Ländereien, Einflussnahme, Schlüsselindustrien, Seewege. Diese Überlegungen sind die Basis oder besser das geistige Rüstzeug für eine überlegene Außenpolitik.
Sehen Sie, auch wenn wir den Krieg verloren haben, – er ist nur eine Schlacht gewesen. Und bis der nächste Krieg kommt, müssen die entsprechenden strategischen Planungen wohlüberlegt sein. Ich sehe diesen Krieg positiv. Das mag zynisch klingen bei so vielen Toten und Krüppeln. Aber sehen wir es im Ganzen. Krieg erzieht nicht zum Besseren. Er trägt immer den Keim des Ungerecht-behandelt-worden-Seins in sich. Die Besiegten, in diesem Falle wir, werden diese Schmach und Schande nie auf uns sitzen lassen. Sobald wir uns wieder einig sind, werden wir wieder losschlagen. Denken Sie drüber nach. Das ist der Lauf der Dinge.«
Dann blickten sie wieder in die Flammen.
Eine halbe Stunde später überschlugen sich die Gedanken beider Gesprächspartner. Begierig nahmen der Mann und Haushofer jeden Zipfel der wieder aufgekommenen Unterhaltung auf, um zu kommentieren oder das Gespräch in eine andere Richtung zu drängen.
Sie sprachen über jene mystische Insel am Nordrand der Welt, ein Eiland, das vielleicht einmal die Spitze des legendären Atlantis war und das als Quelle der vrilen Energie galt. Sie schwadronierten über die heilende Kraft der Externsteine bei Bad Meinberg, die einst von den Titanen einer nordischen Hochkultur errichtet worden waren. Sie ereiferten sich darüber, wie die Welt um sie herum durch den inneren Feind an Glanz verlor. Sie verstiegen sich in die Weihen des antiken Griechenlands mit seinem Körperkult. Olympia, Prometheus, den legendären Feuerbringer, der, weil er den Menschen das Licht und Wärme brachte, ewige Qualen erdulden musste. Sie sahen sich selbst als dieser Bote.
Über Zeus und Odin wurden schließlich die gesamten Götterwelten beschworen, die sich nun in nur einem einzigen Gott vereint hatten.
Später erweiterte sich der Kreis um weitere Männer der Gesellschaft. Gebannt folgten sie den beiden Diskutanten. Der immer größer werdende Flammentanz aus Licht und Schatten zuckte planlos über die Gesichter.
Angefacht durch das genommene Puder sprachen nun alle darüber, wie diese göttliche Kraft zu entfachen sei und dass man sich grundsätzlich jenseits aller Vorstellungskraft bewegen müsse, um Großes zu leisten.
Die Hitze im Raum war unerträglich geworden. Einer der Männer warf sein Hemd fort und präsentierte seine Muskeln. Er zeigte jene tiefen Wunden, die er sich frierend im Schützengraben geholt hatte.
Ein anderer warf sich unbekleidet in die Posen antiker Sportler, während die flackernden Flammen auf seinem Schweiß ihr Schattenspiel trieben. Jemand hatte auf ein Grammophon eine Platte gelegt, die nun wuchtige Musik durch den Raum trieb, die sie alle stimulierte.
Einer der Männer begann sich rasend im Kreise zu drehen. »Das ist die Macht der Sufi-Derwische. Versuche es auch einmal.«
Der Mann drehte sich nun auch im Kreis, er spürte sein Herz, seinen dichten Atem. Alles drehte sich. Dann waren die Hände der Verbündeten auf ihm. Liebkosten ihn. Etwas Weiches berührte sein Ohr. Alle waren nun nackt und tanzten und fielen lachend aufeinander und übereinander. Er glitt über Muskeln und fette Bäuche.
Dann war jemand in ihm. Der Mann erschrak nicht. Es war, als sei die Vereinigung das letzte, was er empfinden musste, um Erdgöttin Gaia, die Mutter von Allem, zu umarmen.
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